Vorherbestimmung des Predigers
Mich fasziniert die Tiefe, die in den recht einfachen Sätzen steckt, die Lebensweisheit, die der Autor zu haben scheint und die Prägnanz mit der er seine Schlussfolgerungen präsentiert.
Außerdem spricht mich die Schlussfolgerung - reflektierter Genuß und dankbare Freude - auf die Frage nach dem Sinn des Lebens an.
Der Prediger hat versucht durch Reichtum und Luxus, durch Enthaltsamkeit, Frömmigkeit, Bedächtigkeit und philosophische Gedankenkonstrukte zu verstehen, was eigentlich am Ende von unserem Leben übrig bleibt bzw wafür es sich eigentlich zu leben lohnt. Dabei bleibt purer Luxus genauso auf der Strecke wie völlige Abstinenz, am Ende steht aber immer: Freude an dem, was einem geschenkt ist. Das versuche ich zu leben. Egal, ob ein Projekt gut läuft oder ich in Problemen stecke will ich das, was ich habe, genießen und mich darüber freuen. Denn was ich bin und habe, kommt alles aus Gottes Hand.
Dieser starke Vorherbestimmungscharakter war mir an der Stelle bisher noch nie so deutlich aufgefallen.
Christen sagen ja oft, der Sinn des Lebens sei es: "...Gott zu dienen" oder "...Gottes Reich auszubreiten" oder zumindest "...nach Gottes Willen zu leben". All diese Formulierungen deuten darauf hin, dass ich mein Leben selber in der Hand habe, aktiv bestimmen kann, was ich tue und was bei meinem Tun herauskommt. Der freie Wille ist zentrales Argument (und auch das kann man natürlich gut biblisch begründen!).
Aber heute beim Lesen fand ich es unglaublich entspannend zu entdecken, dass ich gar nicht alles tun muss. Gott ist durchaus in der Lage, auch ohne meine Hilfe an sein Ziel zu kommen und die Welt im Griff zu haben. Sonst wäre er nicht Gott. Es mag sein, dass er mir zugesteht, selber denken und handeln zu können und eigene Entscheidungen bewusst zu treffen (wobei die Hirnforschung ja gerade das momentan bestreitet...), letztlich hängt aber der große Lauf der Dinge nicht von mir und meinen Aktionen ab.
Ich darf mich also zurücklehnen und mich daran freuen, was Gott geschaffen hat. Ich darf es pflegen und bewahren, darf bedacht mit Gottes Natur umgehen, meinen Mitmenschen positiv begegnen und mir schlaue Gedanken machen, wie das alles noch ein wenig schöner sein könnte. Durch nix, was ich tue oder denke, kann ich den großen Lauf der Dinge beeinflussen.
Das ist eine sehr krasse Aussage, die dieses biblische Buch sehr einseitig trifft. Und es tut mir gut, sie einfach mal stehen zu lassen.
Natürlich soll diese Erkenntnis nicht zu einem depressiven Nichtstun führen und nicht als Ausrede dienen, warum man sich nicht sozial engagiert. Ganz im Gegenteil soll sie zu einem entspannten Leben führen und uns ermöglichen ohne Zugzwang ganz zweckfrei Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Ich muss garnicht immer zwangsweise tiefe Gespräche führen wollen, sondern kann warten, ob es einfach passiert. Ich muss garnicht jeden Menschen bekehren wollen, sondern kann ganz natürlich Vorbild sein, wie ein Leben in Gemeinschaft mit Gott aussehen kann.
Und dadurch dass ich mich bewusst dafür entscheide, nach dieser Theorie zu leben, habe ich sie auch schon wieder gebrochen und erkannt, dass eben trotz eines großen Plans kleine Entscheidungen nicht ausgeschlossen sind. Ob ich diese Entscheidung gerade selber getroffen habe oder Gott mich dazu bestimmt hat, diese Entscheidung zu treffen, ist mir letztlich völlig egal, solange ich mich darüber freuen kann :-)
Labels: Bibel, Entscheidung, freier Wille, Kohelet, Präsestination, Prediger, Vorherbestimmung

1 Comments:
Oh ich bin auch ein Fan Kohelets.
Das hast du sehr gut beobachtet, lieber Karsten! Es sind heilsame Kreisläufe, die Kohelet zu schätzen weiß. Das Leben in all seiner zeitlichen und räumlichen Begrenzung ist das Leben, das der Mensch zu bewältigen hat. Es gibt nichts Neues unter der Sonne und weil die Menschen vergessen und vergessen werden, dreht sich nicht nur der Lauf der Sonne sondern auch der Weltlauf in immer weiderkehrenden Zyklen. Kohelets Gott ist ein Gott der Grenze und Kohelet ist ein Platzhalter des Evangeliums, denn indem wir anerkennen können, dass uns nicht alle Willensfreiheit in die Hand gegeben ist, wird überhaupt erst ein Raum für das Handeln Gottes geschaffen. Gott handelt am und durch den Menschen in der Immanenz. Wenn Kohelet dann fragt, was bleibt von mir übrig? Was mühe ich mich ab, dass sich ein paar Generationen an mich erinnern? Welche Währung hat die Scheol? So kommt er doch nur an den Punkt der Gottesfurcht in aller stückwerkhaften Erkenntnis. Es ist beinahe hoffnungsvoller Agnostizismus, wie mir scheint. Aber es ist auch eine aktualisierte Mahnung, nicht dieseitsvergessen die Welt in jenseitig Verlorene und Erettete einzuteilen und Leben als getriebenes Missionarsdasein zu organisieren, sondern Leben ist DAS Geschenk, das Gott seinem Geschöpf macht. Leben ist Gott selbst. Leben muss sowohl gefeiert und bewältigt werden. Alles zu seiner Zeit...
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