Wer oder was interessiert dich?
Und das stimmt. Durch die Verbreitung von Blogs, Podcasts und YouTube-ähnlichen-Systemen hat die Informationsflut im Internet derart zugenommen, dass man garnicht mehr alles wahrnehmen kann und sich zwangsläufig nicht für alles interessieren darf, wenn man nebenbei auch noch in der Realität verweilen möchte.
Und auch in der "echten Welt" gibt es dank Globalisierung, hunderten von TV-Sendern, Billigflügen und weltweitem Austausch so viele Informationen, dass man sich gar nicht über alles schlau machen kann bzw das, was man wahrnimmt, oft schnell in Vergessenheit gerät, weil es zu viel neuen Input gibt...
Schade eigentlich, denn hinter jeder Nachricht, jedem Ereignis, jedem Blog und jedem Clip stehen letztlich Menschen. Menschen wie du und ich, die einfach ihre Ansicht an die Welt weitergeben möchten, um wahrgenommen zu werden (sicher gibt es viel komplexere Gründe, warum wer was publiziert, aber das würde hier zu weit führen). Aber wie kann man diese Personen mit ihren persönlichen Beweggründen, Bedürfnissen und Begabungen ernst nehmen, ohne in der Informationsflut unterzugehen?
Seit letztem Frühjahr wohne ich in Marburgs Oberstadt, mitten im Zentrum des Samstags-Shopping-Wahnsinns. Wie mein Tag beginnt, hängt davon ab, ob ich mit Geige, Gitarre, Harfe oder Flötenchor (unter meinem Fenster) geweckt werde und ob ich mein Radio laut oder aus stelle, folgt direkt aus der Qualität der Untermahlung. Denn oft geniesse ich es, mir einfach einmal Zeit zu nehmen, mich mit einer Tasse Tee ans Fenster zu setzen und dem geschäftigen Treiben "da unten" zuzusehen. Da gibt es verliebte Pärchen, die langsam durch die Gassen schlendern, hektische Mütter, die - zwei volle Tüten in der Hand - ihre Kinder vor sich her treiben und seriöse Geschäftsleute, die mal eben "ein Eis im Stehen" einschieben, bevor das nächste Meeting wartet. Da sind die fröhlichen Kinder, die an der Treppe spielen und Touristen, die die Statue bewundern und da ist der Rastamann, der regelmäßig seine Ketten verkauft (oder zumindest ausstellt...). Manche Menschen sind offensichtlich traurig, andere Paare streiten sich und wieder andere Gruppen lassen mich lautstark und ungewollt daran teilhaben, was sie heute schon alles konsumiert haben und dass sie ja "sooo tierisch besoffen sind, wie schon lange nicht mehr".
Interessiert mich, wer unter meinem Fenster morgens, mittags oder um Mitternacht vorbeiläuft? Interessiert mich, was in Marburgs Altstadt abläuft, wenn (fast) keiner hinschaut? Interessiere ich mich für die Menschen hinter den Fassaden, hinter den coolen Sprüchen und lässigen Floskeln? Oft muss ich abschalten, ignorieren, mich auf die Arbeit konzentrieren. Aber wenn ich mir die Zeit nehme, bewusst meine Umgebung wahrzunehmen und mich ehrlich dafür zu interessieren, dann öffnet sich mein Herz und ich stehe mitten in den Situationen, die ich bis dahin nur als Zuschauer beobachtet habe. Dann kann ich beten für das, was ich nicht in der Hand habe und eingreifen da, wo ich selber helfen kann. Und dann kann ich Menschen verstehen, die vorher unverständliche Fremde waren.
Genauso habe ich gelernt, Freunde, Kollegen und Bekannte nicht nur in der primären Relation wahrzunehmen, sondern sich einfach mal Zeit für ein persönliches Gespräch zu nehmen, zuzuhören und mich in ihre Situation einzufühlen. Nicht selten erkenne ich dann, dass diese von meiner Situation garnicht so weit entfernt ist oder dass wir uns gegenseitig mit unseren unterschiedlichen Erfahrungen und Erkenntnissen bereichern können. Und letztlich kann man nur so herausfinden, was in dieser Welt wirklich relevant ist. Ist es das Erdbeeben in China (aus den Nachrichten), der neue Job von dem im Blog die Rede ist, die Mehrwertsteuererhöhung von der alle auf der Strasse reden oder die Frage nach dem eigenen Wert, die etwas leiser aber öfter gestellt wird?
Interessant ist sicher alles, aber wofür ich mich interessiere, das muss ich immer wieder neu entscheiden. Und weil ich mich nicht für alles und jeden 100% interessieren und investieren kann, muss ich auch akzeptieren, nicht alle Probleme sofort (oder zumindest noch diese Woche) lösen zu können, sondern kann vertrauen, dass in Gottes Masterplan ein Weg auch zu den Themen führt, die mich gerade nicht interessieren (können). Er versteht die Welt und irgendwann (in der Ewigkeit) werden wir sie eventuell auch rückblickend verstehen und staunen.
