push oder pull?
Ich hab mir schon öfters mal Gedanken gemacht, warum unterschiedliche Menschen so unterschiedlich kommunizieren. Sei es beim Small-Talk, bei Problemen/Diskussionen oder bei mehr oder minder wichtigen Informationen aus dem täglichen Leben.
Als Bild dazu hilft mir die Unterscheidung aus der Informatik zwischen push-Mechanismen und pull-Mechanismen. Die Methode "push" drückt eine Informationen an die angegebene Stelle(n). Wenn ich am PC eine Eingabe mache, dann drücke ich eine Taste und der Wert der Eingabe wird an die richtige Stelle weitergegeben. Die Information wird dem Speicher aufgedrückt (push). Also ein push-Mechanismus.
Wenn ich Bilder von meiner Festplatte am Monitor anzeigen möchte, habe ich eine Fülle von Informationen und ziehe (pull) die gewünschten heraus. So bekomme ich nicht alles zu sehen, sondern nur das, was gerade relevant ist.
Wie ist das jetzt beim Small-Talk? Manche Menschen reden eher im push-Stil. Sie haben etwas spannendes mit der süßen Katze beim Tierarzt erlebt, der bus war 7 min zu spät und hat eine rote Ampel überfahren oder sonstetwas weltbewegendes ist passiert und sofort wird diese Information jedem, der sie wissen möchte (und jedem der sich überhaupt nicht dafür interessiert) aufgetischt. So ein pushen von Informationen kann teilweise schon recht nervig ausfallen. Vor allem, wenn einzelne Personen andauernd reden und garnicht wahrnehmen, ob sich jemand dafür interessiert oder nicht. Auf der anderen Seite kann es aber auch sinnvoll sein, bestimmte Fakten einfach mal in die Runde zu streuen. Wenn es an der Ecke Freibier gibt, eine Gefahr lauert oder ein geliebter Mensch einen Unfall hatte, sollte man Informationen pushen, um allgemein zu informieren. Manche Menschen neigen auch in solchen Situationen dazu, demütig alles für sich zu behalten und andere reden zu lassen und erzeugen so ein Informationsdefizit (was bei genügend unrelevanten Fakten garnicht auffallen wird...). Der Pfad, wann man im Small-Talk push und wann pull anwendet, schlängeld sich also je nach Situation, Personen und eigenem Charakter sehr individuell durch viele unterschiedliche Situationen und bleibt immer wieder neu zu betrachten.
Bei Diskussionen zu aktuellen Problemen, konkreten Entscheidungen oder allgemein wissenschaftlichen Erörterungen gilt normalerweise die Regel, dass man sich meldet, eine gewisse Redezeit eingeräumt bekommt und solange nicht unterbrochen wird. Jeder bekommt also ein Recht auf Zeit andere per push zu informieren. Möchte man besondere (Experten-)Meinungen einholen, Verständnisfragen klären oder eine Umfrage starten, wird man bewusst pull-Strategien einstreuen und so fremde Statements einfordern. Meist hat ein Moderator in diesem Fall die Aufgabe, zwischen push- und pull-Zeiten zu koordinieren.
Ein weiterer spannender Punkt, wo man Informationen austauscht sind traditionelle Rundbriefe/Rundmails/Informationsschreiben aller Art. Wenn man aus der gewohnten Umgebung länger und weiter als normal entfernt lebt, möchte man alte Freunde, Verwandte und Partner mit aktuellen Informationen versorgen, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Nur selten fragen die "Hinterbrliebenen" aktiv Informationen an (weil deren Alltag ja weitergeht), was es in der Ferne neues gibt, sondern meist berichtet man aus der Ferne selber aktiv. Durch eine Verteilerliste wurde vorher der Interessentenkreis abgestimmt und nun gibt es push-Informationen alle 3 Wochen, 3 Monate oder ab und zu mal. Ob die Information überhaupt jemand haben möchte (vgl SPAM, Werbung, Kettenbriefe), wird dann nicht mehr gefragt, sondern Information ins System (=Verteilerkreis) eingegeben (push). Wenn ich länger unterwegs war, kam es zwar auch vor, dass einzelne Freunde mal nachfragen, wie es so läuft und was ich mache (pull), aber traditionell sind Urlaubskarten oder Infobriefe eher push-Mechanismen gewesen.
Momentan sehe ich allerdings einen Trend, weg vom push, hin zu einer push&pull-Information. Durch die Möglichkeit schnell und günstig Massen-E-Mails zu schreiben leiden viele Menschen unter einer Informationsflut und zu vielen Rundmails, die dadurch nicht mehr so intensiv wahrgenommen werden und an Stellenwert verlieren. Durch fehlendes Feedback oder das feedback, dass viele Empfänger die Rundbriefe nicht mehr oder nur noch oberflächlich lesen, werden dann die Absender entmutigt, fühlen sich unverstanden oder ungeliebt und streichen die Information evt ganz. So entfernt man sich voneinander, Beziehungen werden gebrochen oder zumindest gibt es eine Informationslücke und Frust auf beiden Seiten (zu viel oder zu wenig Info) ist vorprogrammiert. Parallel zu dieser Entwicklung haben sich neue Methoden im Internet etabliert, Informationen auf automatisierten Internetseiten bereitzustellen. Weblogs (Kurz: Blog) bieten die Möglichkeit, ohne Programmierkentnisse Informationen bereitzuhalten, die der Leser bei Bedarf abrufen kann. Sicherlich ist das Veröffnetlichen selber auch wieder ein push-Mechanismus, aber nur an eine zentrale Stelle. Der Leser ruft Informationen durch ein bewusstes pull ab wann immer es ihm gerade passt. Bzw. wenn er aus Zeitmangel, weniger Interesse oder sonstigen Gründen keine Informationen haben möchte, ruft er eben nicht ab. So stellt der Sender bereit, was er relevant findet und der Leser entscheidet wann und wie viel er rezipieren möchte.
Natürlich kann es bei dieser Art des Informationsflusses auch zu Lücken kommen, aber man kann durchaus auch im Nachhinein noch nachlesen, was man längere Zeit nicht verfolgt hat. Z.B. recherchiere ich gerne vor einem Treffen nochmal den Blog des anderen, um zu wissen, was bei ihm gerade aktuell ist oder was Gesprächsthemen sein könnten.
Vermutlich wird das eine System nicht das andere komplett ersetzen. Ähnlich wie im SmallTalk oder der Diskussion sind push-pull-Sequenzen in einer sinnvollen Abfolge wichtig. Deshalb schreibe ich zum Beispiel 3-4 mal pro Jahr eine Rundmail (push), um bewusst zu informieren und setze meine wirren Gedanken, kuriose Beobachtungen oder neue Erkenntnisse über den Blog bzw die Websites um, die dann per pull von Interessierten abgerufen werden können.
Da könnte man jetzt noch über die inhaltliche Trennung für unterschiedliche Zielgruppen (channeling), das Abonnieren von blogs/podcasts und ähnlichem (pull before post) oder Datenkonzepte (Mail mit Link auf Fotos/Dateien) diskutieren, aber das führt wohl hier zu weit. Vielleicht im nächsten Post :-)
Zum Weiterlesen sei empfohlen (je nach Interesse):
www.kopjar.com (privates)
www.doublek.de (Projekte)
www.mediengottesdienst.de (Studien)
sowie dieser blog ab und zu mal aktuell :-)
