Warum die WM für uns so wichtig ist...
Mal neutral betrachtet geht es bei diesem Turnier lediglich darum, dass verschiedene Länder herauzsfinden wollen in welchem Land man gut Fußball spielen kann. Da stehen also 11 Spieler auf dem Platz und wenn alles schlecht läuft (worst case), weiss hinterher die ganze Welt, dass diese 11 Deutschen nicht sonderlich gut Fußball spielen können. Na und? Das hat sogar vor Beginnd er WM ganz Deutschland so postuliert und es hat niemanden gestört. Ja, man war fast schon stolz darauf, sich über unsere Nationalmannschaft und ihre mäßige Leistung zu amüsieren. Und jetzt gewinnen sie einfach Spiel um Spiel und sind in vielen weltweiten Wettstuben vom Aussenseiter zum Favoriten geworden, dem man alles zutraut.
Und in Deutschlands Strassen steppt der Bär...
Aber: Was ist es, dass uns so fröhlich macht? Ist es die Tatsache, dass evt die ganze Welt bald weiss, dass da 11 Leute in Deutschland wohl daoch ganz gut Fußball spielen können? Freuen wir uns, dass es in anderen Ländern 11 Leute gibt, die weniger gut Fußball spielen als unsere Elf? Oder vielleicht darüber, dass unsere Spieler ihren internationalen Marktwert durch gute Leistung erhöhen?
Ich glaube, eigentlich freuen wir uns garnicht so sehr darüber, dass da 11 Leute auf dem Rasen gut Fußball gespielt haben, sondern wir freuen uns einfach nur.
Wenn ich mir die Zuschauer in den Fan-Arenen und "public viewing points" anschaue, die lauthals eine große Gummiwand anschreien, dass sie höher/schneller/weiter spielen soll, noch ein Tor schiessen oder selbige Leinwand auspfeifen, wenn ein Bild des gegnerischen Spielers projiziert wird, zweifle ich ja schon manchmal am rationalen Verstand dieser erwachsenen Mitmenschen. Was bitteschön soll es ändern, wenn wir mit 100, 1000 oder 100000 Leuten dieser Leinwand sagen, dass sie ein Tor schießen soll? Miroslaw Klose im 100 Km entfernten Stadion wird uns nicht hören und selbst wenn: Er weiss bereits, dass es eine gute Idee wäre, ein Tor zu schiessen. Demnach ist diese Information für ihn sowohl unbedeutend als auch unrelevant, da er sie nie vernehmen wird. Von daher ist - rein rational gesehen - diese Fan-Hysterie völliger Unsinn.
Und wer bitteschön kann mir erklären, warum man sich bereits mittags in einen vollgestopften Biergarten setzen soll, um 3-4 Stunden dort eng aneinandergequetscht mit anderen schwitzenden Menschen auszuharren und danach auf einem Fernsehschirm zu verfolgen, wie 22 Spieler einen Ball haben wollen, den sie dann doch sofort wieder wegschiessen, sobald sie ihn einmal haben? Haben diese Leute nichts zu tun? Ist die Arbeitslosigkeit und der moralische Verfall schon so weit vorangeschritten, dass alle lieber Bier trinken als zu arbeiten? Sind die Saunagebühren so angestiegen, dass man das Gefühl des gemeinsamen Schwitzens mit Hopfenausguss in der Sommersonne zu emulieren versucht? Schon komisch diese Deutschen...
Schliesslich wundert es mich auch, dass (gerade im Angesicht des Kinofilms FC Venus) Frauen plötzliches Interesse zeigen und sogar die legendäre Wissenslücke der Abseitsregel zu schließen versuchen. So begeistert, wie sie sonst die tägliche Vorabendserie oder Quizshow verfolgt haben, richtet sich ihr Blick nun auf den grünen Rasen mit den hübschen Männern, die sich gegenseitig hauen, treten und beschießen...
So viel passiert in unserem Land, was rational nicht zu erklären ist. So viele Menschen tun Dinge, die einfach nicht sinnvoll sind. Nahezu ganz Deutschland freut sich! Und zwar nicht zielorientiert, gekünstelt und aus der Erwartung durch diese Freude etwas zu erreichen, sondern einfach so. Gerade diese "Unsinnige Freude" finde ich toll, einfach mal abschalten, jubeln wie ein Kind, nicht über alles nachdenken, sondern spontan und impulsiv sein.
Ich glaube, das ist es, was unserer auf Rationalismus und Effizienz ausgelegten Gesellschaft oft fehlt. So oft frage ich mich, ob ich jetzt Zeit habe, zu jubeln, ob ich nicht statt zu feiern lieber etwas sinnvolles arbeiten sollte und ob es nicht viel realistischer wäre, sich kritisch mit einer Situation auseinanderzusetzen als sich einfach zu freuen. Und so oft verurteile ich Menschen, die kindisch sind und Dinge tun, die keine Bedeutung für die eigene Präsentation, den gesellschaftlichen Wert oder die große globale Zukunft haben und wünschte mir, alles wäre immer zielgerichtet und mein Ziel das richtige.
Aber so ist es nicht. Manchmal sind die Ziele, die ich mir stecke gut, aber oft auch sehr einseitig gesteckt. Dann ist es vielleicht dran, einfach mal das Ziel aus den Augen zu lassen, sich zu freuen, zu feiern und etwas unsinniges zuzulassen.
Denn "wer feiern kann, kann auch arbeiten" sagt schon der Volksmund (und der muss es ja wissen...). Klar damit wird erstmal angemahnt, nicht zu viel zu feiern, aber ich verstehe diesen Spruch im Moment so, dass ich genau dann sinnvoll arbeiten kann, wenn ich mir auch die unsinnig sinnvolle Feier gegönnt habe.
Jesus sagt, dass wir uns freuen sollen, dass wir wie die Kinder werden sollen und dass wir ihm vertrauen sollen. Bei aller Betriebsamkeit, allem Einsatz und allen guten Konzepten/Strukturen/Aktionen lasst uns also auch nach der WM nicht vergessen, dass es nicht darauf ankommt, warum wir uns freuen, solange wir uns freuen.
Sicherlich werden die Fahnen, öffentlichen Fernseher und durchzechten Nächte nach der WM wieder etwas weniger werden. Und das ist auch gut so, denn nur mit Patriotismus und naiver Freude kommen wir auch nicht weiter. Aber aus dieser Zeit können wir Kraft mitnehmen (ähnlich wie wir nach dem freien Sonntag Kraft mit in die Arbeitswoche nehmen) für den Alltag und (vielleicht noch wichtiger) die Erkenntnis, dass Feiern und Fröhlichkeit etwas positives sind. Auch im Alltag :-)
So, genug geschrieben, jetzt geh ich Feiern, denn heute Abend laufen unsere 11 Jungs mit 11 Italienern hinter dem Ball her. Denen muss ich doch sagen, wo das Tor ist ;-)
