cum tempore
Was das bedeutet, ganz einfach: Ist eine Veranstaltung an der Uni CT angesetzt, beginnt sie normalerweise eine Viertelstunde später. 11 Uhr CT bedeutet also 11.15 Uhr und 14 Uhr CT = 14.15 Uhr. So fangen also Uni-Veranstaltungen meist 15 Minuten später an und hören auch 15 min früher auf, um in einer 2h-Einheit auf 90 Minuten effektive Lehre zu kommen. Will man hingegen eine Veranstaltung ausnahmsweise einmal pünktlich beginnen, kündigt man sie als "ST", also sine tempore (ohne Zeit) an. Dann bedeutet 11 Uhr ST auch 11.00 Uhr und man sollte tatsächlich um die genannte Zeit anwesend sein, um den Verlauf nicht unnötig zu stören.
Wer dieses System ursprünglich eingeführt hat und wie die aktuelle Umsetzung funktioniert, wäre mal eine interessante soziologische Studie, aber für mich war in letzter Zeit viel spannender, hinter die Wortbedeutung zu schauen und - zumindest in Ansätzen - mein Leben cum tempore auszurichten.
Klar, eine Viertelstunde zu spät war ich ja immer schon. Aber warum? Weil ich immer zu spät losgehe, zu viele Termine in zu knapper Zeit lege und zu wenig schlafe. Das alte Problem des selbsterzeugten Stress-Zeitplans aufgrund eigener Fehlplanung. Ich möchte möglichst viel erreichen und jede Minute effektiv nutzen, lasse also in meinem Kalender nur ungern ungenutzte Flecken und komme so durch spontane Umlegungen, Sondertermine oder Komplikationen schnell zu Verspätungen. Daran haben sich viele meiner Zeitgenossen scheinbar schon gewöhnt und ich danke hiermit offiziell allen, die mir diese Macke nachsehen und mich trotzdem akzeptieren! Auch ich selber habe angefangen, mir keinen Stress mehr damit zu machen und im Zweifel lieber mal einen Termin spontan zu canceln oder bewusst später zu kommen als gehetzt eine Verabredung abzubrechen und durch die Stadt zu hetzen, um einigermaßen pünktlich zu sein. Im Endeffekt kommt es im Leben mehr auf gute Beziehungen an als auf möglichst viele besuchte Veranstaltungen. Von daher möchte ich gerne lernen, öfters auch mal "nein" zu sagen, einen Termin nicht einzuplanen, sondern einfach mal Zeit zu haben.
Ein sehr interessanter Impuls ist für mich in diesem Punkt immer wieder, wie die Brüder und Schwestern im Kloster Volkenroda (Thüringen) leben. Da habe ich wirklich das Gefühl, dass sie ihr Leben "cum tempore" gestalten. Nicht immer 15 min später, sondern immer mit Zeit. Da geht es nicht darum, vor einer Veranstaltung noch bis zum letzen Moment etwas anderes zu erledigen und dadurch zu spät zu kommen, sondern darum, schon ein paar Minuten vorher loszugehen und vor Beginn einer Veranstaltung Zeit zu haben, um anzukommen, sich auf das Thema einzulassen und wirklich da zu sein.
Das entschleunigt das Leben und hilft, wirklich aufzunehmen und zu genießen, was man erlebt, weil man nicht die ersten 5 min einer Veranstaltung braucht, um sich auf den Ort, die Leute und das Thema einzustellen.
Vielleicht hätte ich diese Erfahrung vor dem Studium machen sollen und wäre dann auch zu einer "11 Uhr CT"-Veranstaltung bereits um 11.00 Uhr gekommen, um eben "mit Zeit" da zu sein und zu Beginn der Veranstaltung um 11.15 Uhr bereits voll anwesend zu sein. Und vielleicht hätte ich dann das eine oder andere Meeting nicht mit eingeplant, nicht ganz so viele Events organisiert und weniger Veranstaltugnen besucht, wäre dafür öfter pünktlich, ausgeschlafen oder vorbereitet gewesen. Vielleicht...
Vielleicht bleibt ein entspannter Terminplan aber auch ein Wunschtraum an dem ich ein Leben lang arbeiten werde. Selbst dann macht es Sinn anzufangen und zumindest manchmal ein Stück weit davon zu profitieren.
Wenn ich dir mal über den Weg hetzen sollte, erinner mich gerne daran. Vielleicht nehm ich mir dann spontan Zeit auf eine Tasse Kaffee oder einen ganz unproduktiven Spaziergang. Weil das ja manchmal das produktivste ist, was man an einem vollen Arbeitstag tun kann :-)
