Donnerstag, März 30, 2006

Suchtanfall

Ich muss gestehen, ich bin süchtig...
Natürlich nur manchmal, nicht immer und auch nicht krankhaft. Aber ab und zu überkommt es mich und ich gebe mich hemmungslos meiner Sucht hin, etwas total verrücktes zu tun. Wie zum Beispiel am vergangenen Sonntag Abend: Wir hatten gemütlich gekocht und waren vor dem Fernseher versackt, dann nach dem Spätfilm nach Hause auf mein Zimmer und "noch mal schnell Mails checken". Ich weiss nicht wie, aber irgendwie bin ich dann dazu gekommen, mir ein neues Spiel runterzuladen und gleich mal zu testen: Doppelkopf ( http://free-doko.sourceforge.net/). Eigentlich wusste ich, dass ich Montag und Dienstag viel und wichtige Arbeit hatte und war im Prinzip ja auch müde. Und dennoch liess mich das neue Spiel nicht los und so verharrte ich in der typischen Informatiker-Haltung (runder Rücken, vorgeschobene Stirn, Arme am Tisch abgestützt, minimaler Bewegungsaufwand) ohne groß nachzudenken. Ich war gefangen in einem denkbar einfachen Spielgeschehen, einer nahezu genialen (weil einfachen) Umsetzung und verlebte wunderbare Stunden mit meinem drei virtuellen Freunden Erika, Gerd und Sven. Zu allem Überfluss war ich auch als Motivationshilfe meist ein paar Punkte im Vorsprung, aber nie so viel, dass ich mir dem Endsieg sicher sein konnte und schliesslich wollte ich auch sehen, was am Ende des "Turnieres" (nach 80 Spielen) geschehen würde. Vielleicht gab es ja eine Belohnung, eine lustige Animation oder zumindest einen Eintrag in der weltweiten Bestenliste aller Zeiten? Und so spielte ich bis die aufgehende Sonne meine an die Dunkelheit gewohnten Augen irritierten und ich mir bewusst machte, was ich gerade getan hatte.

Nunja, weitere Details erspare ich euch, denn an sich ist so eine durchzockte Nacht ja garnichts verwerfliches. Und ich hatte auch nichteinmal ein schlechtes Gewissen, sondern einfach nur Durst und einen erhöhten Kaffeekonsum am nächsten Tag ;-)
Viel interessanter finde ich aber, was hinter dieser vordergründig planlosen Nachtaktion vor sich ging. War es wirklich ungeplant? War es wirklich gedankenlos? War es wirklich zufällig, dass ich nochmal online war, dieses Spiel fand ohne zu suchen und mich gefangen nehmen liess?
Auf der einen Seite war es sicherlich so und ab und zu finde ich es durchaus gut, nicht alles zu reflektieren. Aber auf der anderen Seite gibt mir so eine Situation auch viele Gründe, mich persönlich einmal zu hinterfragen und zu beleuchten, was eigentlich meine Handlungsgrundlagen sind. War es wirklich unsinnig, einfach zu spielen? Oder ist gerade das unsinnige Spiel manchmal das sinnvollste, um quasi im "Standbymodus" wichtige Gedächtnisfunktionen auf Funktionsfähigkeit zu untersuchen (auch "Entspannung" genennt).
Und noch eine Stufe kritischer könnte ich fragen: War es nicht die versteckte Sehnsucht, nicht alleine sein zu wollen, die die drei Computersimulationen auf den Schirm rief und nicht mehr gehen liess? Oder war es eine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, etwas besonderes getan zu haben,w as man erzählen kann, evt innovatives Neuland zu betreten und so die Gesellschaft zu prägen? War es vielleicht aber auch eine Führung Gottes, der meine tiefste Sehnsucht kennt und mich durch sie leitet, um Erfahrungen zu machen, die einmal wichtig werden könnten?

Viele Fragen, viele Thesen und sicherlich trifft hier zu, dass die Wahrheit immer zwischen zwei (oder mehr) Extrempunkten liegt. Von daher wird vermutlich ein Mix aus all diesen Gründen dazu beigetragen haben, dass ich diese Nacht im sitzen verbrachte. Spannend, wo das hinführt und warum und das spannendst ist ja eigentlich die Frage, was mich immer wieder dazu bringt zu reflektieren, warum ich meine selbstreflexivität so oft reflektiere.
Und an dem Punkt merke ich meistens, dass ich schlafen gehen sollte...
Oder vielleicht noch iene Runde Doppelkopf? ;-)

Dienstag, März 07, 2006

3D-Outdoor-Kino

Heute hab ich nach dem Mittagessen mal was verrücktes gemacht. Ich bin einfach mit dem Auto in einen Feldweg gefahren, hab am Strassenrand geparkt und bin durch die Gegend gelaufen. Hier im Westerwald ist gerade alles weiss vor Schnee, strahlende Sonne vom blauen Himmel mit ein paar Quellwölkchen. Also viel zu schön, um im Büro zu sitzen...
In den etwa 10 min, die ich da draussen war, ist mir schlagartig aufgefallen, was um mich herum immer so passiert, was ich in der Hektik des Alltags garnicht wirklich wahrnehme:
Das knirschen des Schnees, wenn ich darüberlaufe, das rascheln der Bäume, wenn der Wind da durch weht, das zwitschern der Vögel im Frühlingswind.
Irgendwie hat Gott ein sehr geiles 3D-OpenAir-Kino geschaffen, wo wir täglich freien Eintritt zu haben. Aber so selten gehen wir wirklich hin und genießen die Vorstellung. Morgens stehen wir auf, setzen uns an den Schreibtisch und stehen erst abends wieder auf, wenn es schon dunkel ist :-(
Letztes Jahr habe ich eine MultimediaSoakingPhase mit Naturaufnahmen aus Südafrika gemacht. Bombastische Bilder, schöne Musik, ruhige Atmosphäre, einfach toll. Oder Videoaufnahmen von Wasserfällen, Wolkenspielen oder Felsmassiven. Auf einer großen Leinwand sieht sowas genial aus und ich staune immer wieder über Gottes Größe!
Aber noch viel größer als das tollste Kinofeeling ist die echte Natur. Das, was ausserhalb jedes W-LAN-Hotspots abgeht, was keine Kamera eingefangen und eingegrenzt hat und was einfach so da ist, weil Gott es zu Beginn der Weltgeschichte dahin gesetzt hat.

Vielleicht geht es ja auch nur mir so. Keine Ahnung...
Aber mir wird in solchen Momenten immer wieder bewusst, wie begrenzt ich als Mensch bin und wie schlicht unsere technischen Möglichkeiten sind, verglichen mit Gottes Kreativität und seiner Umsetzung! Schau mal von einem Hügel auf ein offenes Feld. Wahnsinn, was für eine Genauigkeit, gerade in den Horizontbereichen. So einen 3D-Renderer schafft die beste Grafikkarte nicht! Oder die Details, wenn du mal auf ein winziges Stück Erde, Schnee oder Blume heranzoomst. Keine Pixel, sondern immer noch gestochen scharf und klar. Und der Hammer: Wenn du wegzoomen würdest, einfach immer weiter weg, würde das ganze nicht aufhören! Das Feld wird immer kleiner, dann erkennt man größere Flecken als Städte, Meere, Gebirge, Kontinente, die ganze Welt, unser Sonnensystem, andere Sterne mit Planetenkonstellationen, Galaxien, Galaxiehaufen. Und jedes dieser Elemente ist detailggenau designt in der gleichen Genauigkeit, wie der Grashalm gerade vor dir. Phantastisch, oder?

Nunja, das fiel mir gerade so auf. Ist eigentlich nix neues. Aber mir wurde mal wieder bewusst, dass es echt entspannend ist, sich einfach an Gottes Größe und seiner Schöpfung zu erfreuen statt immer nur zu arbeiten und zu versuchen, all das gute aus Menschenhand nachzumachen. Denn gegen diese Perfektion werden meine Filme, Bilder und Animationen immer nur stümperhaft bleiben. Und gegen Gottes Kreativität wirkt jedes innovative menschliche Konzept wie ein langweiliges Remake. Schön, dass Gott kein Copyright auf seine Schöpfung gesetzt hat, dass wir uns inspirieren lassen dürfen und dass wir von ihm lernen können, einfach mal zu geniessen :-)